Die integrative Pädagogik

Die integrative Pädagogik — was ist das?

Die inte­gra­ti­ve Päd­ago­gik beinhal­tet eine Ver­schmel­zung und Wei­ter­ent­wick­lung von Päd­ago­gik, Psy­cho­lo­gie, Neu­ro­lo­gie, Fami­li­en­the­ra­pie und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­tho­den und bie­tet För­der­mög­lich­kei­ten und eine empa­thi­sche Hal­tung gegen­über den Kin­dern. Mària Ken­es­sey hat am Insti­tut für inte­gra­ti­ve Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik, die bereits bekann­ten Erkennt­nis­se der ganz­heit­li­chen För­de­rung von Kin­dern zusam­men­ge­fasst und neu kon­zi­piert.

Eine klei­ne Auf­lis­tung der dar­aus bekann­ten Namen:

  • Alfred Adler (Indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gie)
  • Frö­bel (Vor­schul­för­de­rung)
  • Maria Montesso­ri (neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche Erkennt­nis­se)
  • Fried­rich Frö­bel & Johann Hein­rich Pes­ta­loz­zi

(För­de­rung der 3 H‘s: Herz, Hand und Hirn)

  • Cher­tok und Mil­ton Erick­son & Gerald Hüt­her (Hirn­for­schung)
  • Carl Rogers (Kom­mu­ni­ka­ti­on)
  • Vir­gi­nia Satir, Sal­va­dor Min­chu­in, Paul Watz­la­wick (Fami­li­en­the­ra­pie und Sys­tem­den­ken)

Inte­gra­tiv bedeu­tet: ein ein­schlie­ßen­des „Sowohl — als — auch“ anstatt ein aus­gren­zen­des, abwei­sen­des, ableh­nen­des „Ent­we­der – oder“. Die Hal­tung der inte­gra­ti­ven Päd­ago­gik setzt ein Men­schen- und Selbst­bild vor­aus, wel­ches eine trie­fe Ach­tung gegen­über allen, mit bedin­gungs­lo­ser Akzep­tanz kenn­zeich­net. Sie setzt sich zum Ziel alle in das glei­che Boot zu set­zen. Es besteht eine Gleich­wer­tig­keit zwi­schen Erwach­se­nem und Kind. Es wird auf das Kind, die Ord­nung und die Rech­te der ande­ren geach­tet. Die Kin­der erle­ben eine gro­ße Frei­heit, inner­halb kla­rer Gren­zen. Gefor­dert wird nur spar­sam. Das erwünsch­te Ver­hal­ten wird wahr­ge­nom­men, das uner­wünsch­te wird ver­nach­läs­sigt. Wei­ter­hin ist das Ziel, fest zu sein, ohne aber dabei zu beherr­schen. Es gibt logi­sche freund­li­che Fol­gen. Das Kind wird ermu­tigt in sei­nem Tun und Den­ken. Das Posi­ti­ve for­mu­lie­ren in der Spra­che hat einen fes­ten Bestand­teil in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Jedes Nein kann mit einem Ja beant­wor­ten wer­den und auf den Ton der Stim­me wird geach­tet. Es ist von gro­ßer Bedeu­tung mit den Kin­dern zu spre­chen, anstel­le an sie her­an zu spre­chen. Es wird gehan­delt, anstel­le zu reden. Die Unab­hän­gig­keit wird geför­dert und gleich­zei­tig dabei nicht zu sehr beschützt. In der inte­gra­ti­ven Päd­ago­gik wird nicht impul­siv gehan­delt, son­dern dem Kind mit Gelas­sen­heit, Zeit und Ver­ständ­nis dem Kind gegen­über begeg­net. Ein wei­te­res Ziel ist es, gemein­sam Ver­gnü­gen zu erle­ben und die Kin­der spie­le­risch und durch uns als Vor­bild zu moti­vie­ren für die Mit­ar­beit. Auf Kri­tik, Bestra­fung, Beloh­nung, Dro­hun­gen, Lie­bes­ent­zug oder ande­re Ernied­ri­gun­gen und Demü­ti­gun­gen wird kom­plett ver­zich­tet. Die inte­gra­ti­ve Päd­ago­gik ist freund­lich, klar, kon­struk­tiv, res­sour­cen­ori­en­tiert und betont das Gute. Sie ist tie­fen­psy­cho­lo­gisch, gleich­wer­tig, pro­zess­ori­en­tiert, lösungs­ori­en­tiert, lust­be­tont, ganz­heit­lich, krea­tiv, sys­te­misch und opti­mis­tisch.

Das Welt­bild der Ken­es­sey Päd­ago­gik:

Die inte­gra­ti­ve Erzie­hung stärkt das Selbst­wert­ge­fühl des Kin­des, för­dert das Gefühl von Zusam­men­ge­hö­rig­keit und baut eine gleich­wer­ti­ge Bezie­hung mit den Kin­dern auf. Sie unter­stützt die Selbst­stän­dig­keit, die Ent­schei­dungs­frei­heit der Kin­der, stärkt die Lie­be zu sich selbst, zu ande­ren Men­schen und zu Natur. Sie macht die Kin­der auf das Wun­der der Schöp­fung auf­merk­sam. Sie ver­mit­telt ein posi­ti­ves Welt­bild, gibt Sicher­heit und ver­min­dert die Angst der Kin­der. Die inte­gra­ti­ve Erzie­hung unter­stützt mit ihrem Ver­hal­ten die Kon­flikt­fä­hig­keit und stärkt die Ver­söh­nungs­be­reit­schaft. Sie unter­stützt die Ein­zig­ar­tig­keit eines jeden Kin­des, ver­mei­det die Ent­wick­lung zur Riva­li­tät und zu Macht­kämp­fen. Sie beglei­tet eben­so die Eltern erzie­he­risch und wirkt auf­bau­end.

Die ver­mit­tel­ten Wer­te der inte­gra­ti­ven Päd­ago­gik, rich­ten sich nach den UNO-Men­schen­rech­ten und der UNICEF Dekla­ra­ti­on der Kin­der­rech­te. Sie ent­spre­chen den Grund­sät­zen der Demo­kra­tie.

Die Rech­te des Kin­des nach der Dekla­ra­ti­on der UNICEF

Kin­der haben…

  1. Das Recht auf Gleich­be­hand­lung und Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung, unab­hän­gig von Ras­se, Reli­gi­on, Her­kom­men und Geschlecht.
  2. Das Recht auf einen Namen und eine Staats­an­ge­hö­rig­keit.
  3. Das Recht auf Gesund­heit.
  4. Das Recht auf Bil­dung und Aus­bil­dung.
  5. Das Recht auf Frei­zeit, Spiel und Erho­lung.
  6. Das Recht sich zu infor­mie­ren, sich mit­zu­tei­len, gehört zu wer­den und sich zu ver­sam­meln.
  7. Das Recht auf eine Pri­vat­sphä­re und eine Erzie­hung im Sin­ne der Gleich­be­rech­ti­gung und des Frie­dens.
  8. Das Recht auf sofor­ti­ge Hil­fe bei Kata­stro­phen und Not­la­gen sowie Schutz vor Grau­sam­keit.
  9. Das Recht auf eine Fami­lie, elter­li­che Für­sor­ge und ein siche­res Zuhau­se.
  10. Das recht auf Betreu­ung bei Behin­de­rung. Das Recht auf Lie­be, Ver­ständ­nis und Für­sor­ge.

Alfred Adler einer der Tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Pio­nie­re, setz­te sich extrem und mit alls­ei­ner Zeit und Kraft für unse­re Zukunft, die Kin­der und deren Erzie­hung ein. In der heu­ti­gen, moder­nen Päd­ago­gik, sind sei­ne psy­cho­lo­gisch-päd­ago­gi­schen (indi­vi­du­al­psy­cho­lo­gi­schen) The­sen fest ver­wur­zelt.

  • Der Mensch ist ein sozia­les Wesen
  • Der Mensch ist ein ziel­ge­rich­te­tes Wesen
  • Der Mensch trach­tet nach Selbst­ver­wirk­li­chung
  • Alle Men­schen sind gleich­wer­tig

Erziehungsstile

Ist die integrative Pädagogik „Hippie Style“?

Nach neus­ten Erkennt­nis­sen aus der Hirn­for­schung, der Psy­cho­lo­gie und der Päd­ago­gik wis­sen wir, dass sich der auto­kra­ti­sche und der Lais­ser-fai­re Erzie­hungs­stil kon­tra­pro­duk­tiv auf die kind­li­che Ent­wick­lung aus­wir­ken. In einem demo­kra­ti­schen Erzie­hungs­stil wer­den hin­ge­gen alle Grund­rech­te akzep­tiert, die Gren­zen der ande­ren berück­sich­tigt und geach­tet. Alle Indi­vi­du­en wer­den gleich­wer­tig und gleich­be­rech­tigt behan­delt. Die inte­gra­ti­ve Päd­ago­gik ist demo­kra­tisch. Sie ist nichts „neu erfun­de­nes“. Seit Jah­ren beschäf­ti­gen sich hoch bekann­te Psy­cho­lo­gen und Päd­ago­gen mit die­sen Erkennt­nis­sen. Die inte­gra­ti­ve Päd­ago­gik ist also kei­ne neu­mo­der­ne „Kuschel­päd­ago­gik“, kei­ne Form von „Trend“ oder auch kei­ne Art „Hip­pie Style“, son­dern sie hat tief ver­an­ker­te Wur­zeln und Bele­ge.

Je nach Alter, Kul­tur, eige­ner Geschich­te, Erfah­run­gen in der eige­nen Erzie­hung und Kind­heit, sowie im Leben und wei­te­ren indi­vi­du­el­len Hin­ter­grün­den eines Men­schen, sind manch­mal Unei­nig­kei­ten über „den rich­ti­gen Erzie­hungs­stil“ in der Gesell­schaft und oft auch in der Part­ner­schaft und Fami­lie spür­bar.

Eini­ge Men­schen iden­ti­fi­zie­ren sich eher mit dem auto­kra­ti­schen, dik­ta­to­ri­schen Erzie­hungs­stil, man­che mit einem anar­chis­ti­schen, Lais­ser-fai­re Erzie­hungs­stil und wie­der­um ande­re mit einem demo­kra­ti­schen Erzie­hungs­stil. Kurt Levin hat eine auf­schluss­rei­che Video­auf­nah­me zu den Erzie­hungs­sti­len erstellt, indem er eine Kin­der­gärt­ne­rin ver­film­te, die eine Kin­der­grup­pe auf den jewei­lig unter­schied­li­chen Erzie­hungs­sti­len lei­te­te und so gut erkenn­bar ist wie die Kin­der dar­auf reagie­ren und sich dar­in füh­len. Die Auf­nah­men sind im Inter­net zu fin­den. Den Link hier­zu fin­dest Du im Anhang. Mit wel­chem Erzie­hungs­stil iden­ti­fi­zierst du dich?

„Das Selbst­ver­trau­en des Kin­des, sein per­sön­li­cher Mut ist sein höchs­tes Glück! Muti­ge Kin­der wer­den auch spä­ter ihr Schick­sal nicht von außen erwar­ten, son­dern von ihrer eige­nen Kraft.“ Alfred Adler

Hirnforschung

Was sagt die Hirnforschung?

Die Rechte und linke Gehirnhälfte

 

Dank der moder­nen Hirn­for­schung wis­sen wir, dass die bei­den Gehirn­hälf­ten unter­schied­li­che Funk­tio­nen haben.

  • Die lin­ke Hirn­hälf­te ist für das Intel­lek­tu­el­le, logi­sche, linea­re, über­le­gen­de zustän­dig.
  • Die rech­te Hirn­hälf­te ist haupt­säch­lich für das Füh­len, bild­haf­te, far­bi­ge und intui­ti­ve ver­ant­wort­lich.

Es braucht die Zusam­men­ar­beit bei­der Gehirn­hälf­ten mit­ein­an­der, damit ein Mensch  Ler­nen kann. Wir Erwach­se­nen soll­ten psy­cho-logisch auf das kind­li­che Ver­hal­ten reagie­ren. Wird nur die lin­ke Gehirn­hälf­te ange­spro­chen, wird das Angst­zen­trum im Gehirn akti­viert. Bestehen­de Pro­ble­me wer­den durch die Angst ver­stärkt und es schafft neue, weil die Kin­der meist mit Wider­stand reagie­ren. Logisch, denn nie­mand fühlt sich wohl in Angst und nie­mand kann dar­in weder Ent­span­nung noch eine intrinsi­sche Moti­va­ti­on ent­wi­ckeln. Schon gar nicht, wenn sie „Ler­nen“ sol­len.

Die Rech­te und die Lin­ke Gehirn­hälf­te arbei­ten beson­ders gut als Team, wenn der Mensch bzw. das Kind in Bewe­gung ist. Ruhig am Tisch, an der Schul­bank oder auf dem Kin­der­stühl­chen zu sit­zen wäh­rend einer Tätig­keit, ist also kon­tra­pro­duk­tiv wenn gute Lern­re­sul­ta­te erzielt wer­den sol­len. Lei­der ist die­se ver­al­te­te Denk­wei­se in den Schu­len, Kin­der­gär­ten Spiel­grup­pen, Kitas und auch in den Eltern­häu­sern ein ver­brei­te­tes Denk­mus­ter.

Beson­ders in den ers­ten Lebens­jah­ren, braucht unser Gehirn posi­ti­ve Erleb­nis­se, um das Hirn zu för­dern. Dopa­min (Glücks-Boten­stoff) wird aus­ge­schüt­tet und ver­sorgt unser Ner­ven­sys­tem damit, wenn wir uns freu­en. Das kind­li­che Gehirn fasst aus sei­nen Erfah­run­gen Regeln zusam­men und spei­chert die­se als Wis­sens­vor­rat ab. Posi­ti­ve und gemein­sa­me Erfah­run­gen ste­hen gemäß der inte­gra­ti­ver Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik des­halb im abso­lu­ten Vor­der­grund. Sie stärkt Bezie­hun­gen in der Gemein­schaft und auch den Mensch als Indi­vi­du­um.

Was ist wichtig, damit Kinder „Lernen“ können?

Kin­der ler­nen haupt­säch­lich mit dem Gefühl und nicht nur mit dem Ver­stand.

Die Intel­li­genz ist also geprägt von Gefühl plus Ver­stand. Das Leben ist das pure Ler­nen. Wo nicht mehr gelernt wird, wird nicht mehr gelebt.

„Der Geist ist kein Schiff, das man bela­den kann, son­dern ein Feu­er, das man ent­fa­chen muss.“ Plut­arch 45–125 n. Chr.

  • Emo­tio­na­le Atmo­sphä­re
  • posi­ti­ve emo­tio­na­le Bezie­hug
  • Zunei­gung
  • Gemein­sa­me Begeis­te­rung
  • Neu­gier­de des Kin­des wecken
  • Kin­der sol­len gefor­dert wer­den
  • Die Kin­der sol­len machen dür­fen
  • Ler­nen soll Erfolgs­er­leb­nis­se mit sich brin­gen
  • Durch Spass und Freu­de bei­de Gehirn­häl­fen zusam­men­füh­ren
  • Lust­be­tont
  • Erzie­hen­de müs­sen begeis­tert und Vor­bild sein. Begeis­te­rung wirkt dis­zi­pli­nie­rend.
  • Öff­ters kurz ler­nen ist bes­ser als ein­mal lang
  • Wie­der­ho­lun­gen
  • Die Lie­be zu den Kin­dern spür­bar machen
  • Das Inter­es­se und die Moti­va­ti­on wecken durch akti­ves Han­deln, For­schen, Erfah­run­gen mit allen Sin­nen
  • Freund­li­che Kon­se­quen­zen die mit der Situa­ti­on direkt im Zusam­men­hang ste­hen. Das Gehirn benö­tigt direkt ein Feed­back.
  • All­ge­mei­ne Angst­frei­heit / Ohne Angst Feh­ler machen dür­fen
  • Ent­span­nungs­pau­sen
  • Ent­schei­dungs­frei­heit

Gefühlserziehung ist also Emotionale Intelligenz!

Gefüh­le ent­ste­hen nie­mals grund­los. Auch wenn wir manch­mal den eigent­li­chen Grund nicht erken­nen kön­nen. Sie sind gene­tisch ange­leg­te Wahr­neh­mun­gen die uns das Über­le­ben sichern. Oft sind Gefühls­aus­brü­che nur der Aus­lö­ser und eine Ent­la­dung einer Auf­häu­fung von Frust. Das eigent­li­che Pro­blem liegt so also meist weit zurück. Die inte­gra­ti­ve Päd­ago­gik sagt: Alle Gefüh­le sind erlaubt, denn sie sind sowie­so da. Ein Gefühl zu ver­bie­ten ist schäd­lich. Alle Gefüh­le sind rich­tig und wich­tig. Auch nega­ti­ve Gefüh­le (die gesell­schaft­lich meist nicht so gern aus­ge­lebt oder gezeigt wer­den) gehö­ren zu unse­rer Natur. Es ist unser, wie auch das Recht des Kin­des, die­se Gefüh­le spü­ren, er- und aus­le­ben zu dür­fen. Es ist von hoher Bedeu­tung, dass Kin­der und auch wir Erwach­se­ne Gefüh­le zei­gen dür­fen und mit ihnen ange­nom­men wer­den. Blo­cka­den wer­den gelöst, wenn wir unse­ren Gefüh­len frei­en Lauf las­sen.

Wut soll uns zu Frei­heit, Angst uns zu Sicher­heit füh­ren und Trau­rig­keit soll uns die Fähig­keit geben, mit ande­ren Men­schen und unse­rer Umwelt Kon­takt auf­zu­neh­men.

Die­se drei Gefüh­le sor­gen dafür dass es uns gut geht. Sie sor­gen für das vier­te Gefühl, die Freu­de. Sie sor­gen dafür, dass wir glück­lich sein kön­nen, vor­aus­ge­setzt die Gefüh­le: Wut, Furcht und Trau­rig­keit konn­ten rich­tig aus­ge­lebt wer­den.

„Kin­der die in einem sozio­ne­ga­ti­ven Gefühls­haus sind, müs­sen zuerst unser Mit­ge­fühl spü­ren, damit sie sich ver­stan­den füh­len und zur Koope­ra­ti­on bereit sind. („in das sozio­po­si­ti­ve Gefühls­haus hin­über­ge­hen“)“.

- Mària Ken­es­sey

Wenn ein ungu­tes Gefühl abge­klun­gen ist , wenn der Mensch in sei­nem Schmerz getrös­tet wird, und die Erfah­rung macht dass etwas sehr schlim­mes wie­der gut wer­den kann, kann der Mensch in eige­ner Bereit­schaft Frie­den schlie­ßen und Ver­söh­nung kann ent­ste­hen. Dies sind wert­vol­le Ent­wick­lungs­schrit­te. Sie gehö­ren zur Kon­flikt­fä­hig­keit, wel­che an Aus­dau­er und Fle­xi­bi­li­tät und Übung bedarf. Erwach­se­ne und Kin­der die vor einem Kon­flikt flüch­ten, belei­digt reagie­ren oder klein bei geben, sind noch nicht kon­flikt­fä­hig. Ein­ge­schüch­ter­te Kin­der lei­den in ihrer Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und kön­nen somit nicht ihre vol­le Intel­li­genz nut­zen. Um selbst­stän­di­ge Erfah­run­gen zu sam­meln, braucht ein ein­ge­schüch­ter­tes Kind, anstatt Leis­tungs­druck, Dro­hun­gen oder Stra­fen, die Frei­heit sei­ne Ent­schei­dun­gen selbst zu Tref­fen. In unse­rer Vor­bilds Funk­ti­on neh­men wir dar­um eige­ne Gefüh­le eben­so wahr, las­sen sie zu und tei­len sie den Kin­dern mit. Wir soll­ten dem Kind dabei aber auch immer kom­mu­ni­zie­ren, dass unse­re Trä­nen oder unse­re Wut nichts mit ihm zu tun haben, damit kei­ne Schuld­ge­füh­le beim Kind ent­ste­hen.

Neus­te Ergeb­nis­se der Hirn­for­schung bestä­ti­gen erneut, dass der Mensch als Spe­zi­es mit der Lie­bes­fä­hig­keit pro­gram­miert ist. Dies ermög­licht ihm das Über­le­ben. Alle ande­ren „Fähig­kei­ten“ sind neu­ro­ti­sche Angst­ver­drän­gungs­me­cha­nis­men.

 

Zitat aus: Mària Ken­es­sey / Ver­hal­tens­stö­run­gen in der Schu­le erfolg­reich kor­ri­gie­ren – Die Anwen­dung der inte­gra­ti­ven Päd­ago­gik in der Schu­le

Mari­as Quel­le: Dr. Man­fred Spit­zer: Gott­gen und Gross­mutter­neu­ro­nen

Grundbedürfnisse

Back to the Roots: Grundbedürfnisse

Neben den phy­si­schen Grund­be­dürf­nis­sen eines Men­schen, wie Essen, Trin­ken, Atmung, Wär­me und Schlaf, gibt es noch wei­te­re Bedürf­nis­se. Laut Klaus Gra­ve ist unse­re Psy­che auf 4 Grund­be­dürf­nis­sen auf­ge­baut:

  • Bedürf­nis nach Bin­dung
  • Bedürf­nis nach Auto­no­mie & Kon­trol­le
  • Bedürf­nis nach Lust­be­frie­di­gung bzw. Unlust­ver­mei­dung
  • Bedürf­nis nach Selbst­wert­schät­zung / Aner­ken­nung

Die­se psy­chi­schen Grund­be­dürf­nis­se gel­ten für Kin­der und auch für Erwach­se­ne. Wer­den die­se nicht befrie­digt oder ver­letzt, reagie­ren wir mit Unwohl­sein. Der Men­schen möch­te von Natur aus ein dazu­ge­hö­ri­ger, wert­ge­schätz­ter Teil der Gemein­schaft sein. Sich sicher und emo­tio­nal mit jemand ver­bun­den füh­len. Er möch­te fair behan­delt und respek­tiert wer­den. Vor allem aber möch­te er geliebt wer­den, wie er ist.  Es ist also von enor­mer Bedeu­tung, dass gra­de in der Kind­heit und beson­ders im ers­ten Lebens­jahr, die Grund­be­dürf­nis­se eines Men­schen befrie­digt wer­den. Dies schafft nicht nur das Gefühl von Sicher­heit und Ver­trau­en, son­dern es dient auch der Iden­ti­täts­fin­dung und der Gemein­schafts­fä­hig­keit.

„Eine zen­tra­le Aus­sa­ge von Bowl­bys Theo­rie ist, daß der mensch­li­che Säug­ling die ange­bo­re­ne Nei­gung hat, die Nähe einer ver­trau­ten Per­son zu suchen. Fühlt er sich müde, krank, unsi­cher oder allein, so wer­den Bin­dungs­ver­hal­tens­wei­sen wie Schrei­en, Lächeln, Anklam­mern und Nach­fol­gen akti­viert, wel­che die Nähe der ver­trau­ten Per­son wie­der her­stel­len sol­len.“ (Dor­nes 2002, S. 23).

Das ers­te Lebens­jahr eines Kin­des kann auch des­halb auch als „ver­län­ger­te Schwan­ger­schaft“ benannt wer­den. Das Kind hat das Bedürf­nis nach Zuge­hö­rig­keit. Es dreht sich alles um die kon­stan­te Bedürf­nis­be­frie­di­gung. Hier ist es also von höchs­ter Bedeu­tung das Kind gut zu beob­ach­ten, ihm zuzu­hö­ren, es mit viel Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ken­nen zu ler­nen. Es ist wich­tig die Sin­nes­or­ga­ne anzu­re­gen und ihm Sicher­heit durch Nähe und Freund­lich­keit zu schen­ken. Wir sol­len viel mit dem Kind reden. Posi­tiv, beja­hend und mit freund­li­chem Aus­druck und Mimik. Viel Kör­per­kon­takt und Sin­gen tun eben­so der See­le gut. Das Kind hat wie auch wir einen gro­ßen Drang nach Frei­raum. Drum sol­len wir Mög­lich­kei­ten schaf­fen, in denen das Kind selbst erle­ben und Erfah­run­gen sam­meln kann. Wir zie­hen uns zurück und beob­ach­ten. Die Akti­vi­tä­ten der Kin­der und ihre Vor­lie­ben beim spie­len sol­len wenn mög­lich nicht ein­ge­schränkt oder unter­bro­chen wer­den.

Empi­ri­sche Daten konn­ten nach­wei­sen, dass Kin­dern, denen eine siche­re Bin­dung im ers­ten Lebens­jahr nach­zu­wei­sen ist, im Vor­schul­al­ter eine grö­ße­re sozia­le Kom­pe­tenz, ein stär­ke­res Selbst­wert­ge­fühl sowie eine Lern- und Expe­ri­men­tier­freu­dig­keit zuge­schrie­ben wer­den konn­te. Ande­ren Kin­dern gegen­über zei­gen sie sich hilfs­be­rei­ter, empha­ti­scher und im All­ge­mei­nen freund­li­cher als Kin­der mit einem unsi­che­ren Bin­dungs­mus­ter.“ (vgl. Ege­land 2002, zit. n. Hédérva­ri-Hel­ler 2011, S. 75.). Zitat aus Quel­le : http://kindheiterleben.de/auswirkungen-der-bindungen-im-kindesalter/

 

Wir soll­ten froh sein, dass das Kind für sei­ne Bedürf­nis­be­frie­di­gung reagiert. Auch wenn es manch­mal sehr „anstren­gend“ für uns ist. Das Kind möch­te uns damit ver­deut­li­chen, dass ihm etwas fehlt oder es in Schwie­rig­kei­ten steckt. Es sucht unse­re Hil­fe, um emo­tio­nal wie­der gesund zu wer­den.

Wenn die Grund­be­dürf­nis­se von Kin­dern nicht befrie­digt sind, ver­su­chen sie die­se mit unge­eig­ne­ten und für uns oft „auf­fäl­li­gem Ver­hal­ten“ zu errei­chen. Die­ses Ver­hal­ten wird oft als „nicht ange­passt“, stö­rend und anstren­gend emp­fun­den. Näher wer­de ich hier unter dem Punkt „Die vier irr­tüm­li­chen Zie­le“ ein­ge­hen.

Brief eines Neugeborenen

Lie­be Mama, lie­ber Papa,

bit­te bewahrt die­sen Brief von mir an einer Stel­le auf, an der ihr ihn lesen könnt und ihn jedes Mal wie­der erneut lesen könnt, wenn die Din­ge nicht rund lau­fen und ihr euch nie­der­ge­schla­gen und erschöpft fühlt.

  • Bit­te erwar­tet nicht zu viel von mir als einem neu­ge­bo­re­nem Baby oder zu viel von euch selbst als Eltern. Gönnt uns sechs Wochen als Geschenk zur Geburt. Sechs Wochen für mich, um zu wach­sen, mich zu ent­wi­ckeln, zu rei­fen und sta­bi­ler und vor­her­seh­ba­rer zu wer­den – sechs Wochen für euch, um euch zu erho­len, zu ent­span­nen und dei­nem Kör­per zu erlau­ben wie­der zur Nor­ma­li­tät zurück­zu­keh­ren.
  • Bit­te füt­tert mich, wenn ich hung­rig bin. Hun­ger hat­te ich nicht, als ich noch in dei­nem Bauch war und Uhren oder Zeit bedeu­ten noch nichts für mich.
  • Bit­te hal­tet, kuschelt, küsst, berührt und strei­chelt mich und singt mir lei­se etwas vor. In der Gebär­mut­ter war ich immer eng umschlun­gen und bin nie zuvor allein gewe­sen.
  • Bit­te ver­zeiht mir, wenn ich häu­fig wei­ne. Ich bin kein Tyrann, der aus­ge­sandt wur­de, um euch das Leben schwer zu machen. Der ein­zi­ge Weg euch mit­zu­tei­len, dass ich nicht glück­lich bin, ist mein Schrei­en. Habt Nach­sicht, schon bald wer­de ich weni­ger schrei­en und mehr Zeit damit ver­brin­gen, mich mit euch zu „unter­hal­ten“.
  • Bit­te nehmt euch Zeit her­aus­zu­fin­den, wer ich bin, wie ich mich von euch unter­schei­de und wie viel ich euch geben kann. Beob­ach­tet mich gut und ich wer­de euch zei­gen, wel­che Din­ge mich trös­ten, beru­hi­gen und mir Spaß machen.
  • Bit­te denkt dar­an, dass ich robust bin und die vie­len nor­ma­len Feh­ler aus­hal­ten kann, die ihr mit mir machen wer­det. So lan­ge ihr sie mit Lie­be macht, wer­det ihr mir damit nicht scha­den.
  • Bit­te seid nicht ent­täuscht, wenn ich nicht das per­fek­te Baby bin, das ihr erwar­tet habt. Und seid auch nicht ent­täuscht von euch selbst, wenn ihr nicht die per­fek­ten Eltern seid.
  • Bit­te passt auf euch auf; ernährt euch aus­ge­wo­gen, erholt euch aus­rei­chend und ver­schafft euch genug Bewe­gung. Dann habt ihr die nöti­ge Geduld und Ener­gie, euch um mich zu küm­mern, wenn wir zusam­men sind. Das Heil­mit­tel für ein quen­geln­des Baby ist mehr Erho­lung für die Mama.
  • Bit­te küm­mert euch gut um eure Bezie­hung zuein­an­der. Wozu wäre das Fami­li­en-Bon­d­ing gut gewe­sen, wenn es kei­ne Fami­lie mehr gibt, an die ich mich bin­den kann.
  • Behal­tet das „gro­ße Gan­ze“ im Sinn. Ich wer­de nur für eine sehr kur­ze Zeit so klein sein, auch wenn es euch wie eine Ewig­keit vor­kommt. Auch wenn ich viel­leicht euer bis­he­ri­ges Leben völ­lig auf den Kopf gestellt habe – bit­te denkt dar­an, dass die Din­ge schon bald wie­der ihren nor­ma­len Gang gehen wer­den.

Genießt die­se Zeit – ich wer­de nie wie­der so klein sein wie jetzt!

Dan­ke, euer Baby

Autorin: Dr. Don­na Ewy

Über­set­zung: Regi­ne Gre­sens, IBCLC, Okto­ber 2017